Neuer IGB-Bericht "Katar: Gewinner und Verlierer": Arbeiter bezahlen mit ihrem Leben, während Großkonzerne Milliardengewinne machen

In einem neuen Bericht des Internationalen Gewerkschaftsbundes wird davon ausgegangen, dass die Unternehmen, die in Katar die Infrastruktur für die kontroverse FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2022 bauen, Gewinne in Höhe von 15 Milliarden Dollar machen und dabei auf bis zu 1,8 Millionen Wanderarbeitskräfte zurückgreifen werden, die wie moderne Sklaven behandelt werden.

In dem am Internationalen Tag der Migranten veröffentlichten Bericht wird Katar wegen seines Versäumnisses, die Arbeitsrechtslage und die Einhaltung der Regeln zu verbessern, kritisiert. Zudem werden Bauunternehmen, Hotels, Einzelhandelsketten sowie britische und US-amerikanische Universitäten vor den Kosten ihrer Geschäfte in einem Sklavenstaat gewarnt.

"Alle Vorstandsvorsitzenden, die in Katar Geschäfte machen, sind sich bewusst, dass ihre Gewinne durch erschreckend niedrige Löhne in die Höhe getrieben werden, Löhne, die oft auf einem diskriminierenden rassistischen Lohnsystem basieren, und dass für diese Gewinne die Sicherheit aufs Spiel gesetzt wird, was unhaltbare arbeitsbedingte Verletzungen, Krankheiten und Todesfälle zur Folge hat”, kommentiert Sharan Burrow, die Generalsekretärin des Internationalen Gewerkschaftsbundes.
Gestützt auf neue Daten, die aus Katars eigenen offiziellen Statistiken hervorgehen, schätzt der IGB, dass 7.000 Arbeiter bis zum ersten Anpfiff bei der WM 2022 sterben werden.

“Katar weigert sich nach wie vor, die tatsächliche Zahl der Todesopfer unter den ausländischen Arbeitskräften oder die wirklichen Todesursachen zu veröffentlichen. Die große Mehrheit der Arbeiter wird für das immense WM-Infrastrukturprogramm bis 2022 benötigt. Wenn man Katars eigene Statistiken und Gesundheitsberichte der letzten drei Jahre analysiert, wird deutlich, dass frühere Prognosen, wonach 4.000 Arbeitskräfte bis 2022 sterben könnten, eine tragische Unterschätzung war. Die tatsächliche Sterbeziffer liegt bei über 1.000 pro Jahr, was bedeutet, dass bis 2022 7.000 Arbeitskräfte sterben werden. In Katars Notaufnahmen werden pro Tag 2.800 Patienten eingeliefert, 20% mehr als von 2013 bis 2014”, so Sharan Burrow.

Die Infrastrukturausgaben für die WM 2022 werden mit bis zu 220 Milliarden Dollar veranschlagt, und die davon profitierenden großen internationalen Bauunternehmen aus Australien, Europa und den USA werden in dem IGB-Bericht analysiert, darunter ACS (Spanien), Bechtel (USA), Besix (Belgien), Bouygues (Frankreich), Carillion (Großbritannien), CCC (Griechenland), Ch2M Hill (USA), CIMIC (Australien), Hochtief (Deutschland), Porr (Österreich) und QDVC (Frankreich).

“Diese Krise geht über die Grenzen Katars hinaus und betrifft Unternehmen überall auf der Welt, die von dem Kafala-System profitieren, das Menschen versklavt. Die Arbeiter, die das WM-Vorzeigestadion Khalifa bauen, erhalten 1,50 Dollar pro Stunde.
Schätzungen zufolge sind mehr als 40 Prozent der 250 internationalen Spitzenunternehmen der Baubranche an Projekten in Katar beteiligt. Anteilseigner mit Investitionen an 14 verschiedenen Börsen machen Profite mit moderner Sklaverei durch das Kafala-System”, erklärt Sharan Burrow.

Während die Regierung eine Gesetzesreform weiterhin ablehnt, fordert der IGB von den dort tätigen Unternehmen, dass sie:

  • den Beschäftigten die Ausreisevisa unverzüglich und ohne Bedingungen ausstellen und ihnen einen Arbeitsplatzwechsel gestatten;
  • den Beschäftigten eine kollektive Stimme zugestehen, damit sie Missbräuche ansprechen und gemeinsam mit ihren Arbeitgebern verhandeln können;
  • einen einheitlichen existenzsichernden Mindestlohn für alle MigrantInnen einführen;
  • solange es keine wirksame staatliche Arbeitsaufsicht und kein funktionierendes Arbeitsgericht gibt, bei ihren Geschäftstätigkeiten für eine faire und wirksame Aufsicht, Regelbefolgung und Konfliktbeilegung sorgen, und zwar auch bei ihren Subunternehmern.

Seit der IGB im März 2014 seinen Sonderbericht, Die Akte Katar, veröffentlicht hat, hat sich für die Arbeitskräfte in dem Land nichts geändert. Die Regierung hat ihre Gesetze nicht in Einklang mit internationalen Normen gebracht, und das seit langem versprochene Arbeitsgesetz, das erst 2017 in Kraft treten wird, wird weitere Repressionen für Wanderarbeitskräfte zur Folge haben.

“Katars Arbeitsrecht ist katastrophal für die Beschäftigten. Alles, was die Regierung getan hat, ist, die Sklaverei zu kodifizieren. Die Arbeitgeber haben jetzt sogar die Möglichkeit, Beschäftigte ohne deren Zustimmung ein Jahr lang an einen anderen Arbeitgeber auszuleihen.”

Der IGB fordert von der katarischen Regierung, dass sie unverzüglich folgende Maßnahmen ergreift:

  • Beendigung des Kafala-Systems, beginnend mit der Abschaffung der Ausreisevisa;
  • Ermöglichung einer Arbeitnehmervertretung: eine kollektive Stimme mit gewählten Vertretern und betrieblichen Ausschüssen;
  • Arbeitsverträge durch Direktanstellung oder große, seriöse Vermittlungsagenturen;
  • Ein nationaler Mindestlohn für alle Arbeitskräfte sowie Tarifverhandlungsrechte;
  • Eine angemessene Arbeitsaufsicht und Beschwerdeverfahren, auch in Bezug auf Auftragsfirmen, sowie ein unabhängiges Arbeitsgericht.

Darüber hinaus fordert der IGB von der FIFA, die bisher nicht wirklich Druck auf Katar ausgeübt hat, die Arbeitnehmerrechte in den Mittelpunkt der Vorbereitungen auf die WM 2022 zu rücken.

ENDE

Ansprechpartnerin für die Vereinbarung von Interviews mit Sharan Burrow ist Gemma Swart gemma.swart@ituc-csi.org +32 479 06 41 63

Hier den Bericht lesen: Katar: Gewinner und Verlierer. Die Kosten der modernen Sklaverei in Katar: Welchen Preis hat die Freiheit?

Link zur Multimedia-Untersuchung des IGB: Qatar Exposed